Schöne Aussichten

Valerii Honcharuk / Adobe Stock

Für Architekten und Bauingenieure, die gerade frisch ihr Studium abgeschlossen haben, gibt es aktuell gute Chancen auf dem Markt. Allerdings stellt sich für Absolventen die Frage, in welchem Bereich sie den beruflichen Weg einschlagen sollen und wie man sich am besten von den Mitbewerbern abhebt.

Da der Planungsberuf Kreativität mit technischem Know-how verbindet, übt er eine große Faszination auf den Berufsnachwuchs aus. „Dementsprechend hoch sind die jährlichen Studienanfänger- und Absolventenzahlen. Die Branche unterliegt konjunkturellen Schwankungen und die aktuellen Chancen stehen sehr gut“, hebt Landschaftsarchitekt Georg Stein, tätig in der Seminarabteilung und zuständig für die Bereiche Fort- und Weiterbildung bei der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, hervor. Vor der Corona-Krise herrschte in einigen Regionen ein Mangel an Fachkräften und viele Architektur- sowie Ingenieurbüros suchten bundesweit Mitarbeiter für ihre Projekte.

„Die Pandemie hat einige Bauvorhaben verlangsamt, aber insgesamt sind die Baustellen durch Lockdowns oder Einschränkungen nicht stark betroffen“, weiß Cathrin Urbanek, Pressesprecherin der Bundesarchitektenkammer. Allerdings würden Architekten aller Fachrichtungen teilweise auch mit Sorge in die Zukunft blicken. Denn wie die Auftragslage nach 2021/22 sein wird, sei schwer einzuschätzen. Laut einer gemeinsamen Umfrage von Bundesarchitektenkammer (BAK) und Bundesingenieurkammer (BIngK) aus dem Jahr 2020 unter 4.600 selbstständigen Kammermitgliedern zu den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie erwarten 41 Prozent für 2021 einen Umsatzrückgang. „Jedes fünfte Büro gab massive oder drohende Liquiditätsprobleme an. Teilweise bereits in Notlage befinden sich laut BAK und BIngK besonders Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, Solo-Selbstständige, im Ausland aktive Planer sowie diejenigen, die für gewerbliche Auftraggeber tätig sind“, erläutert die Pressesprecherin der Bundesarchitektenkammer.

„Eine gemeinsame Onlinebefragung von BAK und BIngK zeigt zudem, dass die staatlichen Stützungsmaßnahmen die Büros zwar stabilisieren, es aber für Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen dennoch keinen Grund zur Entwarnung gibt. 49 Prozent der Kammermitglieder erwarten einen Auftragsrückgang in den nächsten zwölf Monaten“, ergänzt der Experte der rheinland-pfälzischen Architektenkammer.

Gute Chancen für leistungsstarke Absolventen

Doch es gibt keine Grund zur Besorgnis für Hochschulabgänger. Diplom-Ingenieur Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, weist darauf hin, dass der andauernde Bauboom in Deutschland, der sich in allen Bereichen – Gewerbebau, Infrastruktur oder Wohnungsbau – zeige, es jungen Nachwuchskräften zurzeit vergleichsweise leicht mache, attraktive Stellen und gute Arbeitsverträge zu erhalten. Dies liege insbesondere an den hohen Investitionsvolumina, für die sowohl der private als auch der öffentliche Sektor (Bund, Land, Kommunen) sorgten. „Aktuell können sich leistungsstarke Absolventinnen und Absolventen in den planenden Berufen ihren Job aussuchen, die Nachfrage nach jungen und gut ausgebildeten Fachkräften ist sehr groß“, sagt Ernst Uhing. Hinzu kommt, dass viele Architekturbüros vom anhaltenden Bauboom profitieren und bei der Akquise weiterer Aufträge oft eher aufgrund ihrer personellen Kapazitäten als durch mangelnde Anfragen begrenzt sind. „Die Arbeitgeber suchen aktiv neue Mitarbeiter und sprechen dabei direkt auch Absolventen an, trotz des höheren Einarbeitungsaufwands wegen noch fehlender Berufserfahrung. Oftmals ergibt sich auch direkt aus einem Praktikum heraus ein Berufseinstieg“, betont Andreas Wohlfarth, Präsident Architektenkammer Sachsen und Freier Architekt. Parallel dazu suchen aber auch die Bauverwaltungen und öffentlichen Auftraggeber Fachkräfte im Bereich Architektur und Bauingenieurwesen. „Den jungen Leuten steht die Arbeitswelt offen“, unterstreicht Andreas Wohlfarth.
Kontakt zur Kammer suchen Empfehlenswert ist es für Absolventen, sich nach dem Hochschulabschluss an die Architekten- oder Ingenieurkammer ihres Bundeslandes zu wenden. Einige Kammern bieten aktive Junior-Netzwerke und Mentoring-Programme an und informieren zudem umfassend über den Weg zu den Berufstiteln. „Diese sind nämlich geschützt. Nur wer in einer Architektenkammer eingetragen ist, darf sich ‚Architekt‘, ‚Innenarchitekt‘, ‚Landschaftsarchitekt‘ oder ‚Stadtplaner‘ nennen“, erläutert Cathrin Urbanek. Voraussetzung hierbei sind ein Architekturstudium mit einem akademischen Abschluss „Dipl.-Ing.“, „M. A.“ oder „M. Arch.“ sowie eine zweijährige Berufspraxis unter Anleitung eines erfahrenen Architekten.

Damit diese im späteren Eintragungsverfahren anerkannt wird, muss die zuständige Architektenkammer vor Beginn der berufspraktischen Tätigkeit schriftlich darüber informiert werden. Die Architektenkammer wacht zudem über die „Pflege von Berufsordnung und Fortbildung für die Qualifikation“ ihrer Mitglieder.

Damit das Studium auch die Grundvoraussetzung erfüllt, um in die Architektenliste eingetragen zu werden, muss ein mindestens vierjähriges (Regelstudienzeit) konsekutives Studium innerhalb einer Fachrichtung absolviert werden. „Wer also einen nur sechs- oder sieben-semestrigen Bachelor-Studiengang absolviert, muss zwingend noch einen konsekutiven Master-Studiengang der gleichen Fachrichtung abschließen, um die Anforderungen an das Studium gemäß rheinland-pfälzischem Architektengesetz zu erfüllen. Das heißt, dem Bachelor-Studiengang ‚Architektur‘ folgt ein konsekutiver Master-Studiengang ‚Architektur‘, dem Bachelor-Studiengang ‚Innenarchitektur‘ ein konsekutiver Master-Studiengang
‚Innenarchitektur‘ usw.“, sagt Landschaftsarchitekt Georg Stein von der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Er weist zudem darauf hin, dass EU-notifizierte Studiengänge auch zur Berufsausübung im europäischen Ausland anerkannt werden.

Erfahrungen sammeln und Defizite ausgleichen

„Seien Sie derzeit durchaus selbstbewusst – der Markt gibt es her“, lautet der Rat von NRW-Architektenkammer-Präsident Ernst Uhing. Allerdings sollten die Bewerber sich im Klaren darüber sein, was sie können und wo noch Defizite bestehen. Vor allem Letzteres sollten Berufseinsteiger schnellstmöglich ausgleichen. Im besonderen Maße gelte dies für fehlende praktische Erfahrungen oder Fragen des Baurechts. Eine weitere Empfehlung des Präsidenten der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen für Absolventen lautet, sich nicht zu früh zu spezialisieren: „Probieren Sie sich aus, bleiben Sie in den ersten Jahren flexibel – inhaltlich, zeitlich und geografisch.“

Positiv für angehende Architekten und Bauingenieure sind Offenheit, Interesse und Lust auf Innovation. Eigenschaften und Kriterien, die auch für die berufliche Weiterentwicklung von wesentlicher Bedeutung sind, wie Andreas Wohlfarth betont. Überdies seien hohes Engagement und die Bereitschaft, hart (und manchmal lange) zu arbeiten, gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einstieg in den Beruf. „Architekten tragen hohe Verantwortung, und bei entsprechendem Arbeitsanfall ist das nicht als ,Nine-to-five-Tätigkeit‘ zu erbringen“, weiß der freie Architekt und Präsident der Architektenkammer Sachsen.

Die passende Stelle finden

Wer nicht gleich den Sprung ins kalte Wasser machen und sein eigenes Architekturbüro eröffnen möchte, der hat verschiedene Möglichkeiten, sich um eine Festanstellung zu bewerben: Einerseits gibt es auf den Internetseiten der einzelnen Architekten- und Ingenieurkammern oftmals eine Rubrik „Stellenmarkt“ mit regelmäßigen aktuellen Stellenangeboten. Andererseits finden sich bei Denkmalschutzbehörden, Bauämtern und Immobilienfirmen entsprechende Betätigungsfelder. Oder man kann über einschlägige Plattformen und Zeitarbeitsfirmen nochmals die Chance ergreifen und über den Tellerrand hinausschauen, um – wie vielleicht schon während des Studiums ausgetestet – im Ausland weitere Berufserfahrungen zu sammeln sowie Fach- und Sprachkenntnisse zu vertiefen.

Ganz gleich, wo man sich bewerben will – gerade in der Bau- und Architekturbranche kommt Eigeninitiative gut an. Daher empfiehlt es sich, beispielsweise in der Architektenliste nach Büroprofilen und Kontaktdaten von freiberuflich tätigen Architekten oder nach geeigneten Firmen in der Bauindustrie zu schauen. Die Büros und Unternehmen in der gewünschten Region können dann gezielt mit einer ansprechend gestalteten Initiativbewerbung angeschrieben werden.  me

 

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